Gentbrugge

Ein ambitionierter Endspurt in einem, unterm Strich, reichlich katastrophalen Jahr war es schon. Nach zwei Konzerten mit Briga in Bergen am Chiemsee und im Kulturort Badstrasse in Fürth, noch mal schnell Nijmegen, Ghent, Lille, Würzburg, Unnersdorf und Ulm dranhängen. Was für ein Routing, was für klangvolle Namen, was für eine brillante Idee. Irgendwann werde ich es ja vielleicht begreifen. Wenn es erst mal angefangen hat unrund zu laufen dann hört das auch so schnell nicht mehr auf. 2016 hatte alles zu bieten was dazugehört, 2016 hat auch gezeigt das die These absolut belastbar ist.

Zu den Dingen die mittlerweile erfreulich selten geworden sind, wohl auch weil Solo-Acts deutlich günstiger und einfacher unterzubringen sind, gehören schlimme Übernachtungen. Wirklich schlimme Übernachtungen. Sowas erfordert grundsätzlich mal ein gewisses Mindestmaß an Ignoranz, Planlosigkeit, Mangel an Empathie und unter Umständen Boshaftigkeit des Veranstalters. Letzteres möchte ich dem Mann in Gentbrugge nicht mal unterstellen. Ich kann mir vorstellen daß er es vielleicht sogar nett gemeint hat. Ist eben auch immer eine Frage der Ansprüche und des Standpunkts. Oder der persönlichen Vorlieben.

Nijmegen nach Ghent - oder eigentlich eben Gentbrugge - ist keine ernstzunehmende Strecke, vor allem nicht wenn man im Laufe des Jahres schon wirklich lange, ruppige Fahrten hatte.

Vielleicht hier mal eine Anmerkung zum besseren Verständnis: Ein sehr ungutes Zeichen im Vorfeld eines Tour-Konzerts ist, wenn der Veranstalter zwei bis drei Wochen vor dem Gig keine E-Mails mehr beantwortet. Insbesondere wenn es ein neuer Laden ist, einer den man noch nicht kennt, Terra Incognita. Wie schon der Begriff Tour-Konzert sagt ist so ein Termin in der Regel eingebettet zwischen anderen. Dort also einfach nicht aufzutauchen macht wenig Sinn. Zum einen weil der Ort ja auf der Strecke liegt und eine kostenlose Übernachtung bietet, zum anderen weil man wahnsinnig gerne daran glauben möchte das alles in Ordnung ist. Vielleicht ist ja nur das Internet kaputt, oder das Telefon, oder beides. Kann ja alles mal passieren. Ist aber soweit ich mich erinnern kann noch nie wirklich so gewesen. Keins von beiden. Auch nicht in Gentbrugge.

Als Ankunftzeit für Aufbau und Soundcheck funktioniert 17.30 oder 18.00 Uhr eigentlich fast immer, es sei denn es wurde explizit was anderes ausgemacht. Also halte ich mich auch in Gentbrugge daran und stehe um 18.00 Uhr an einem unangenehm nasskalten Früh-Dezember Tag vor dem “Bombardon”. Sieht von aussen ganz einladend aus, Jazz Bar, die Fassade mit verbeulten Blechinstrumenten dekoriert, an sich erstmal nicht verkehrt. Nur eben niemand da.

Gentbrugge hat einen ganz eigenen Charme. Ziemlich runtergerockt aber auf eine nette Art. Gefällt mir gut an diesem Abend. Nur ist es scheiss kalt und ich kann nicht rein. Also Kaffee trinken gehen. Kann man machen, allerdings nicht unbegrenzt. Irgendwann fällt einem auch nichts mehr ein was man eventuell aufschreiben könnte oder durchrechnen oder ... was auch immer, es fängt eben an zu nerven. Zeit totschlagen ist eine hohe Kunst. So gegen 19.00 Uhr ist immer noch keiner da. Mir fällt auch auf das ich kein Plakat am Club gesehen habe. Ich weiß aber sicher das ich welche hierher geschickt habe. Das ist etwas beunruhigend. Aber kann ja passieren. Wie oft kommt die Post mal nicht an. Oder so ein Päckchen verschwindet. Übrigens - kann ich mittlerweile ziemlich sicher sagen - ist die normale Post in fast ganz Europa diesbezüglich sehr viel besser als ihr Ruf. Es kommt tatsächlich kaum was weg.

Wie auch immer. Mehr Kaffee, jetzt darf es auch gerne ein Genever dazu sein, mehr Zeit totschlagen. So gegen 20.00 Uhr stehe ich wieder vor dem “Bombardon” und sehe jemanden drin putzen. Hoffnung. Es wird auch nicht direkt wärmer draußen. Auf mein Klopfen an der nach wie vor geschlossenen Tür macht dieser Jemand tatsächlich auf. Was ich denn hier wolle, die Bar öffnet erst um 21.00 Uhr. Weil ich ja weiß, oder zumindest davon ausgehe, das ich erwartet werde, bekommt der Mann mein freundlichstes Mittwochslächeln. Is klar, kein Problem, aber ich bin der Musiker der heute abend spielt. Mäkkelä, nice to meet you.

Sehr zu meinem Bedauern kommt nicht die Antwort die ich mir gewünscht hätte. "Oh. Right. Totally forgot you."

Nicht gut. Gar nicht gut, aber zumindest muß jetzt schnell reagiert werden. Schlafplatz sichern. Gig sichern. Dieser Club, das lässt sich auf den ersten Blick schon mal sagen, bietet kein Essen an. Völlig ausgeschlossen. Man kann auch nicht behaupten das die Person mit der ich gerade zu tun habe in Bestform ist, irgendeine Erinnerung an unseren Deal hat oder Kandidat für den "Freundlichster Veranstalter 2016"-Award wäre.

Ok, Du hast es also vergessen, schlecht, jetzt bin ich aber nunmal da, kein Konzert ist heute leider keine Option und ganz wichtig: wir haben vereinbart das ihr Euch um Übernachtung kümmert. Läuft?

Ja, kein Problem. Übernachten ist im Haus, wenn Du spielen magst, dann nicht vor Mitternacht. Macht keinen Sinn. Vor 23.00 Uhr kommt hier keiner. Ein paar Regulars könnten dann vielleicht da sein. Heilige Scheiße. Es wird interessanter als ich gehofft habe. Die Frage nach den Plakaten schenke ich mir.

Es gibt eine Bühne, es gibt ein Klavier auf dieser Bühne, es gibt keine Anlage, aber das war auch nicht zu erwarten. Auch nicht nötig. Mir reicht mein Akustik-Amp für die Raumgröße. Aufbau, Soundcheck, 20 Minuten später ist alles gecheckt und klar das ich ab sofort sehr, sehr viel Zeit habe.

Nach einem ausgedehnten Spaziergang durch die nähere Umgebung, Zwischenstopp in einem Supermarkt (kurz) und einem veganen Restaurant mit beeindruckender Weinkarte (länger) bin ich um 23.00 Uhr wieder vor Ort. An der Bar sitzen etwa 6-7 Menschen die sich hier sehr offenkundig, sehr zuhause fühlen. Etwas beunruhigend ist eine aussgespochen gut gelaunte, sehr aufgekratzte, ältere Dame die mir unaufgefordert erklärt sie wäre Sängerin. Jazz-Sängerin. Wir könnten auch beim Konzert dann gerne zusammen und so... Äh, nett, gerne vielleicht wann anders. Lass mal später drüber reden. Freak-Alarm. Ab sofort erhöhte Vorsicht.

Aber es kommt besser. Viel, viel besser.

Als ich mein Set beginne ist die lokale, ältere Jazz-Sängerin vom Level "aufgekratzt" übergangslos zu "blanke Euphorie" gewechselt. Unpraktischerweise von da aber auch ohne Umwege zu "Sternhagelvoll". Das macht ihr Mut. Sie hat jetzt eine Mission. Sie muss jetzt singen. Ich sehe das Unheil kommen und es steuert direkt auf mein Mikrostativ zu. Eine Vokal-Fregatte die am Tresen abgelegt hat und unaufhaltsam Kurs genommen hat. Es kommt zur Kollision, unvermeidlich, jedoch anders als erwartet.

Irgendein kleineres Hindernis, möglicherweise die eigene Motorik, schickt Madame auf die Bretter. Indirekt. Über Bande, sozusagen. Via Mikrostativ und Klavier. Versenkt. Klassische Titanic-Situation. Hilfreiche Stammgäste heben sie auf und eskortieren sie zu einem sicheren Ankerplatz weit genug entfernt von der Bühne. Das war knapp. Aber noch längst nicht alles.

Bei meinem vierten Song lässt mein Veranstalter - Stan wie ich mittlerweile gelernt habe - beide Zapfhähne los, verlässt den Tresen, kommt auf die Bühne und spielt ein Trompeten-Solo. Nicht unvirtuos. Überraschend aber auch. Allerdings nur 3-4 Takte. Dann verlässt er genauso schnell wieder die Bühne um sich weiter den Zapfarmaturen zu widmen. Ich bin irritiert. In dem Moment weiß ich aber noch nicht das er ausser ein virtuoser Trompeter auch ein begnadeter Pianist ist.

Das zeigt er bei Song Nummer sieben im Set. Aus dem Nichts taucht er hinter mir auf und brilliert für einige Takte am Piano. Ein wenig beginnt mir der Zirkus auf die Nerven zu gehen. Ist es zuviel verlangt mein Set auf halbwegs anständige Weise zu Ende bringen zu dürfen? Der Mann mag ja talentiert sein, aber irgendwann ist auch mal gut. Allerdings nicht vor dem Kontrabass-Einsatz, wie ich lernen muß. Beim vorletzten Song ist es soweit. Klar, ist ja eine Jazz-Bar. War zu befürchten das da noch mehr Krempel rumsteht. Und tatsächlich bekomme ich ein geschmackvolles Bass-Solo zwischen die Strophen verpasst. Es reicht. Keine Zugabe heute.

Während mir die nicht unfreundlichen Stammgäste zwar applaudieren und Bier ausgeben, meinen Versuch einer Hutsammlung allerdings mit verständnislosem Lächeln quittieren, geht die Show weiter. Noch sind wir hier im Spiel, noch ist alles möglich. Es ist mittlerweile etwa halb zwei und ich frage möglichst freundlich nach ob ich dann demnächst - bald demnächst - schlafen gehen könnte. Ich müsste einfach wissen wo im Haus. Ja, kein Problem. Halbe Stunde noch, ich bring dich dann hoch und zeig's Dir.

Jetzt aber erstmal Auftritt Lucie. Lucie kommt spät. Lucie, wie sich dann herausstellt, hat Jazz-Gesang am hiesigen Konservatorium studiert oder tut es noch. Lucie ist sehr nett, gutaussehend und im Gegensatz zu vielen anderen im Bombardon leidlich nüchtern. Lucie erzählt mir das mein Veranstalter ausser Barbetreiber ein höchst talentierter Jazz-Musiker ist. Ich versichere Lucie das mir das nicht verborgen geblieben ist.

Nichtsdestotrotz würde ich gerne langsam ins Bett. Ich muss zwar morgen nur nach Lille, aber mittlerweile ist es eben auch bereits halb drei. Nur, leider, hat mein Veranstalter mittlerweile auch gemerkt das Lucie eingetroffen ist. Allerhöchste Zeit also seinen Arbeitsplatz am Tresen zu verlassen und sich ans Piano zu begeben. Es folgen für eine gefühlte Ewigkeit Jazz Standards. Und ja, Lucie kann wirklich singen. Und ja, mein Gastgeber ist wirklich gut am Klavier. Und ja, mir geht die ganze Show mittlerweile stark auf den Zeiger. Das fürchterlich geschmacklose Ölgemälde an der Wand über dem Klavier macht es nicht besser, trotzdem muss ich ständig hinsehen. Es hört nicht auf. Es ist etwa 5 Uhr morgens als die Bar endlich schliesst.

In mir keimt Hoffnung auf. Ein Bett scheint in greifbare Nähe zu rücken. Und so ist es auch. Sorgfältig schliesst mein flämischer Keith Jarret den Laden ab und geleitet mich ins Treppenhaus. Ja, klar, kein Problem, lass Dein Equipment hier stehen. Vom Treppenhaus her ist immer offen, die Eingangstür geht von innen auf, einfach zufallen lassen wenn Du morgen eingeladen hast. Klingt soweit gut. Ich kann also gehen ohne mit irgendwem irgendwelche völlig unrealistischen Vereinbarungen für den kommenden, oder besser - bereits angebrochenen - Tag treffen zu müssen. Mein Zimmer ist ganz oben, Mansardenwohnung. Hatte ich erwähnt das es wirklich kalt ist?

Stan, the man, öffnet stolz die Tür zu meiner Unterkunft. Ich erlebe einen weiteren dieser 2016 Momente. Du wirst mit einer unangenehmen Wahrheit konfrontiert und das Gehirn weigert sich schlicht zu akzeptieren das das was vor Dir liegt tatsächlich passiert. Oder da ist.. Dieser Raum hat geradezu biblische Qualitäten was das angeht. Eine Strafe Gottes.

Inmitten unzähliger, voller Müllsäcke steht ein Bett. Bezogen sogar, das dürfte allerdings etwas her sein. Möglicherweise als Belgien noch Kolonien hatte. Stan zeigt mir auch noch die Toilette. Dagegen nimmt sich das Schlafzimmer wie die Präsidenten Suite des Kempinski aus. Gut das die Heizung - wenn es denn irgendwo unter oder hinter den Müllsäcken eine gibt - ganz offensichtlich nicht funktioniert. Es riecht nicht ganz so schlimm wie es dem Aussehen nach müsste. Es ist einfach zu kalt dafür.

Ich frage Stan ob er das ernst meint. Also, ob er es ok findet in diesem Loch zu übernachten. Stan zeigt sich ehrlich überrascht. Fast etwas gekränkt. Es wäre immerhin seine Wohnung und er selbst würde normalerweise hier schlafen, nur eben heute zu meinen Gunsten darauf verzichten und zu einer Freundin gehen. Wüsste ich das es bei der Freundin besser aussieht, ich würde sofort einen Tausch anregen. Im Augenblich bin ich einfach nur sehr, sehr glücklich das ich einen Schlafsack dabei habe und versuche, möglichst ohne irgend etwas zu berühren, reinzukriechen.

Nach zwei Stunden Schlaf beschliesse ich so schnell wie möglich Stans Müllhalde zu verlassen. Je eher desto besser. Ich komme tatsächlich problemlos durchs Treppenhaus ins Bombardon. Alles noch da, ich hatte sogar noch daran gedacht soweit wie möglich zu packen. Auto holen, aufpassen das die Tür nicht zufällt, einladen und - ganz wichtig - auf keinen Fall irgendwas vergessen. Wenn diese Tür zu ist, ist sie zu. Und ich habe nicht die Absicht darauf zu warten das Stan irgendwann in diesem Jahrzehnt vielleicht wieder auftaucht.

Der Van ist beladen. Ich habe den Raum mehrfach gecheckt. Ich habe alles im Van. Gut gemacht. Tür zu und Bye-Bye Bombardon. Und jetzt irgendwo, möglichst nah, möglichst schnell einen Kaffee ziehen. Gleich um die Ecke war doch das Café in dem ich gestern schon war. Und ja, es hat schon geöffnet. Ein dampfender Milchkaffee steht vor mir, ich nehme mein Notizbuch aus der Tasche. Das Buch mit den Setlists, Tourabrechnungen, Tagebuch-Eintragungen und Textideen. Moment. Ich würde gerne mein Notizbuch aus der Tasche nehmen. Ich suche verzweifelt nach meinem Notizbuch. Ich gehe zum Van und suche mein verdammtes Notizbuch. Fehlanzeige. Mein Notizbuch ist nicht im Van, nicht in der Tasche, einfach nirgendwo. Nicht ganz richtig - es ist, nein, es muss, noch im Bombardon liegen. Verdammte Axt. Ich muss wieder zurück. Gehen Sie zurück, gehen Sie nicht über LOS, ziehen sie keine ...

Ich schreibe eine Facebook-Message an die Bombardon Page. Ich schreibe eine Email an die entsprechende Mail-Adresse. Ich rufe Stan's Mobilnummer an. Ich rufe Stan sehr, sehr oft an. Nichts. Nada. Niente. Ich bin zusehends verzweifelt. Ich brauche das Buch. Ich brauche es unbedingt. Ich sehe mir nochmal die Facebook Seite an. Und - da ist tatsächlich noch eine Telefonnummer. Kein Festnetz. Eine zweite Mobil-Nummer. Eine die ich nicht habe. Ich stehe vor dem Club und rufe die Nummer an. Irgendjemand geht ran.

Irgendjemand stellt sich als Freund von Stan raus, er wohnt im zweiten Stock über dem Bombardon. Ich erkläre ihm die Situation. Ich stehe direkt vor dem Laden und ich brauche nur irgendwen der mir die Haustür zum Treppenhaus öffnet damit ich in die Kneipe komme um mein kostbares Notizbuch zu holen.

Aber nein, sorry, er und Stan haben diese Vereinbarung das er niemandem, aber auch wirklich niemandem erlauben darf in Stans Abwesenheit die Kneipe zu betreten. Er steht jetzt am Fenster, sieht zu mir runter, ich stehe unten und sehe zu ihm rauf, beide mit dem Telefon am Ohr. Es ist absurd. Ich flehe ihn an. Langsam bin ich ernsthaft verzweifelt. Er hört geduldig zu, aber leider, nein, das ist nicht möglich, ich müsse das schon verstehen, ist nicht böse gemeint. Vertrauensbruch und so, kann er nicht machen. Stan halt, das würde der nicht gut finden. Irgendwann zeigt er Einsehen oder Mitleid oder beides und öffnet mir. Ich suche die Bühne ab, ich suche den kompletten Gastraum ab. Nichts. Aber dann. Da war doch was. Die Kollision der Frau mit dem Piano. Das Notizbuch auf dem Piano. Wegen der Setlist. Und tatsächlich, der Aufprall der Sängerin hat mein Buch hinter das Piano befördert.

Ich verlasse Gentbrugge. Ich verspreche mir nicht mehr wieder zu kommen.