Heinrich
Es ist die erste längere Tour mit einem Solo-Programm gewesen. Ein erstes Mal von der Brühe gekostet, die einige von uns dann letztlich so süchtig gemacht hat, dass sie nimmer davon lassen konnten. Diese einzigartige Geschmacksmischung aus obszön niedrigen Gagen, aufregenden Locations jenseits von offiziellem Konzertclub und kulturamtlicher Förderung: underground-as-can-be auf ganzer Linie. Damals, im Jahr 2000. Direkt rein in die Nullerjahre, nachdem wir zusammen auf seinem 4-Spur-Fostex schnell mal drei Songs für eine Split-EP mit Harry Coltello aufgenommen und auf CD-Rs gebrannt haben, um wenigstens ein bisschen Merchandise zu haben. Nachdem er mich bei meinem allerallerersten Solo-Gig im Fürther "Cäsar" im Dezember 1999, begleitet hat. Nachdem er mit seiner soliden, beruhigenden Bühnenpräsenz zugesagt hat, mein Bassist zu sein. Damals hab ich das so wenig verstanden, wie ich auch dankbar war, da nicht ganz allein durch zu müssen. Der sanfte Gigant am Bass, immer einen Zigarillo im Mundwinkel, hat da schon arg viel Druck rausgenommen. Aus damals für mich unerfindlichen Gründen war er fast immer bereit, Teil dieser unkalkulierbaren Trips zu sein. Ein komisches Pärchen war das schon: der Vollblut-Volks-, Jazz- und Blues-Sideman und der Typ im Hochzeitsanzug, für den doch eher die Nikki Suddens, Billy Braggs oder Joe Strummers dieser Welt das Maß aller Dinge waren. Einer wirklich Musiker, der andere doch eher Punk.
Happurg “Edelweiss Hütte”, der Travestie-Club “Marias Star-Treff” in Gummersbach, wo uns Club-Besitzer*in Maria mittels Einspielung von "Anton aus Tirol" in Orkanlautstärke von der Bühne gejagt hat, der “VEB” Hildesheim, wo es ihm die Currywurst im “Brückenstübchen” um die Ecke so angetan hat.
Auf das mittlere "E." im Namen hat er, zumindest in dieser Zeit, viel Wert gelegt, wenn ich ihn auf der Bühne vorgestellt habe. Heinrich Ewald Filsner. Das “Café Zentral” in Braunschweig war auch dabei, damals im 2000er Jahr. Idyllisch, direkt neben dem örtlichen Rotlichtviertel gelegen. Schöner Laden erstmal, 50s‑Mobiliar, kaum Leute beim Konzert und trotzdem bezahlt worden. Nur war die Übernachtung eher so halb cool. "Ihr pennt gleich überm Laden, im zweiten Stock, ist, denk’ ich, das einfachste, ihr müsst dann auch nicht mehr fahren..." Haben wir natürlich gerne angenommen, das großzügige Angebot. Der Coltello, der Heinrich und ich. Das "direkt drüber" aus einer Kollektion runtergewanzter Sofas, in einer weitestgehend leeren Wohnung bestand, war eher kein Problem, es gab ja Bier genug. Damit wurde nicht gegeizt im Lande Braunschweig. Nur ist irgendwann mal das mit der Toilette akut geworden. Die war eben nicht direkt drüber, sondern drunter, in der Bar. Raus vor die Tür wollte keiner unbedingt, geraucht haben wir im Treppenhaus. Lang haben wir da gestanden, im Treppenhaus, geredet, getrunken und geraucht. Irgendwann wars dann eben so weit. Wozu denn noch woanders hin bewegen, wo's hier grad so gut passt? Außerdem wars ein Heidenspaß, aus der oberen Etage aus dem Treppenhausfenster zu pissen. Wo doch auch die ganzen Rotlicht-Kunden vorbeigetorkelt sind und sich das mit dem punktuellen Regen nicht so wirklich erklären konnten. Gekringelt vor Lachen haben wir uns. Noch mehr als Heinrich proklamiert, ab sofort nennt er sich Henry de la Fontaine. Was für eine wunderschöne, kindische, alberne und unbeschwerte Zeit.
Kannst mich hören, Heiner? Ich hab’s immer genossen, dich dabei zu haben. Damals so sehr wie bei all den anderen Gelegenheiten, wo du mal eben, einfach so, was für eins meiner Alben eingespielt hast. Bass, Posaune, Tuba... Ich werd dich vermissen, Heinrich Ewald Filsner.